pas un drapeau

„pas un drapeau“, Wandinstallation im Rahmen von „BAROCK“, Barockschlössl Mistelbach, November 2016

Martina Montecuccoli: pas un drapeau. Faltenwurfstudien mit US-amerikanischer Flagge (2015/16) | Gouache und Buntstift auf Bütten u.a. Papieren | Formate: ca. 50×70 cm

Die Serie „pas un drapeau“ (dt.: Keine Flagge) ist das Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen der Wirklichkeit und ihrer Repräsentation vor dem Hintergrund weltweiter Krisen und Kriege. Die intensive Rezeption unterschiedlichster Medienberichte über die Flüchtlingsbewegungen seit August 2015 etwa lässt eine überraschende Vielfalt an Positionen, Perspektiven und Narrativen erkennen und offenbart einmal mehr, dass reale Ereignise mit ihrer medialen „Abbildung“ nicht identisch sind. Folgende Fragen drängen sich förmlich auf: Wer berichtet was wie über wen? Welche Übereinstimmungen, Unterschiede und Auslassungen gibt es? Wer sind die Akteure, wer die Interpreten und welche Beweggründe haben sie? Und: Wer spielt welche Rolle, und welche Rolle spielt die „westliche Welt“?

Martina Montecuccoli greift ein Phänomen auf, das der französische Neostrukturalist Gilles Deleuze als epochentypisch für den Barock bezeichnete: „Die ins Unendliche gehende Falte ist das Charakteristikum des Barock.“(1)  Aus Sicht des Berliner Kunsthistorikers Horst Bredekamp ist die Falte eine zentrale Metapher Leibniz‘ für den Erkenntnisprozess: „Die Falte, die als Schmuckbinde in der Mode des 17. Jahrhunderts und in der bildenden Kunst vielfach verwendet wird, ist einer der zentralen Begriffe in Leibniz‘ Kosmologie. Das Subjekt, das das Universum entdecken will, muss sich im Entfalten üben, da das im Verborgenen Liegende der Entfaltung bedarf.“(2)

Mit „pas un drapeau“ rückt Montecuccoli ihre Faszination für Faltenwürfe und die Ästhetik des Verhüllens ins Zentrum und thematisiert damit zugleich das Spannungsfeld von Einfaltung und Entfaltung, Verhüllung und Enthüllung. In der Hauptrolle: die Flagge der Vereinigten Staaten. Sie wurde aufgrund der aus Sicht der westlichen Staaten- und Wertegemeinschaft unumstrittenen geopolitischen Führungsrolle der USA als Motiv gewählt, aus dem Kontext ihrer Repräsentationsfunktion gelöst und in einem neuen, körperlichen Kontext rearrangiert.

Die Umsetzung erfolgte mit Gouachefarben auf Büttenpapieren unterschiedlicher Fabrikate. Als Medium des Buchdrucks kann Papier auch ein starkes Symbol für Erkenntnis sein.
Die Heterogenität der Papiere, z.B. hinsichtlich Farbtönung, Grammatur und Oberflächenstruktur, erfordert eine spezifische technische Auseinandersetzung mit dem Material.

(1) Gilles Deleuze: Die Falte. Leibniz und der Barock. Frankfurt a. Main: Suhrkamp, 2000, S. 11
(2)  http://www.deutschlandradiokultur.de/galilei-hobbes-leibniz.1088.de.html?dram:article_id=176668 (letzter Zugriff 06.09.2016)

„pas un drapeau“ – im Rahmen von „open studio house“, sehsaal, 1050 Wien, Dez. 2016|Fotos: Martina Montecuccoli