43 cm2 pro Stunde […]

sm_Gewebe_   sm_IMG_6840

„43 cm2 pro Stunde und andere Variationen über das Ordnungssystem Tafelbild“ (2013/14)

4 Tafelbilder im Format A0 hoch (84,1 cm x 118,9 cm)
bestehend aus
• 2 im Format A1 grundierte und mit Druckbleistift bezeichnete und
• 1 im Rohzustand auf den Keilrahmen gespannte Leinwand sowie
• 1 nicht bespannter Keilrahmen mit Stützkreuz, auf das die Fäden der dazugehörigen A0-formatigen Leinwand, getrennt in Kette und Schuss, aufgewickelt wurden.
1 Animationsfilm
1 Gästebuch im Format A4. Die BesucherInnen sind eingeladen, darin ihre individuelle Interpretation eines
Gewebe-Algorithmus zu hinterlassen.

Kunst und der Kunstbetrieb sind Teil zahlreicher normativer und normierender Ordnungssysteme, die bestehende
Machtverhältnisse stabilisieren. Einige Beispiele: Bereits in den 1960er Jahren zeigte Pierre Bourdieu anhand der
Publikumsstruktur von Museen, dass der Kunst‐ und Kulturbetrieb gesellschaftliche Strukturen bewahren hilft.
Auch die akademische Kunstausbildung sorgt durch Zugangsbeschränkungen für eine künstliche Elitenbildung.
Standardisierte Bologna‐Vorschriften homogenisieren das Kunststudium und bereiten schon während des
Studiums auf die Regeln des Kunstmarktes vor. Auf dem Kunstmarkt der westlichen Welt selbst herrschen schon
lange die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Mehr denn je ist er gegenwärtig Teil der neoliberalen
Wirtschaftsdoktrin, in der die Kluft zwischen Reich und Arm täglich wächst. Das Tafelbild scheint sich besonders
gut für den Einsatz in einer so determinierten Kunst‐ und Kulturindustrie zu eignen. In Form einer Druckgrafik oder
eines Acrylbildes lässt es sich gut verpacken, leicht transportieren und bei Kunstmessen, in Galerien oder
sonstigen exklusiven Kunst‐Räumen präsentieren und von dort ins gehobene Wohnambiente transferieren.
Standesgemäß signiert kann subtil demonstriert werden, was man besitzt: Kennerschaft, Kapital und Kunst.

Aber woher kommt eigentlich die Leinwand? Wo, von wem und wie wird sie angebaut, gehandelt und gewebt?
Werden Textilien für Kunst, also Bildträger, unter ähnlich prekären Voraussetzungen produziert wie für westliche
Konzerne wie H&M, C&A, Benetton und Co.? Wie sind die Anbaubedingungen? Kann Flachs biologisch und
menschenwürdig gepflanzt werden? Oder werden die Produzierenden wie z.B. viele Baumwoll‐Bauern von
internationalen Saatgut‐Großkonzernen systematisch in die Schuldenfalle getrieben, enteignet und ‒ ihrer
Lebensgrundlage beraubt ‒ zur Arbeit in Niedrigstlohnfabriken gedrängt?! Eine erste Blitzrecherche in diese
Richtung ergab, dass man auf entsprechende Fragen nach der Herkunft der Leinwände zunächst keine Antwort
bekommt.

Die Installation ist eine vielschichtige Versuchsanordnung über das Tafelbild als Ordnungssystem, in welcher
der Illusionismus des zweidimensionalen Tafelbildes der konkreten Wirklichkeit des geordneten Materials
einerseits und der konkreten Erfahrung individueller Gestaltbarkeit von Algorithmen andererseits
gegenübergestellt wird.

43cm2 pro Stunde_Martina Montecuccoli from martina montecuccoli on Vimeo.